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Werkstätten für behinderte Menschen: Kampagne „Mehr als einen Job“ - Kritik an WfbM bleibt

-Bildbeschreibung: Jemand der mit einer Stichsäge ein stück Holz sägt.
Foto: © Ono Kosuki

Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (WfbM) stehen schon lange in der Kritik und das nicht nur von den Menschen die in den Werkstätten arbeiten, sondern auch seitens der UN. (siehe Beitrag: Mangelnde Wertschätzung: Kein Mindestlohn für behinderte Menschen in Werkstätten ) Allerdings, gibt es auch viele Menschen, nicht nur in der Politik, die die Werkstätte für eine wichtige Einrichtung halten. So schreibt die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e. V. (BAG): "Wenn es morgen keine Werkstätten für behinderte Menschen mehr gäbe, fielen für einen Großteil der dort beschäftigten Menschen wertvolle soziale Kontakte und Lebensinhalte weg."

„Wer als Mensch mit Behinderungen in einer Werkstatt arbeitet, kann zum einen sein Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben ausüben, zum anderen hat er alle Möglichkeiten, seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln“, stellt Martin Berg, Vorstandsvorsitzender der BAG WfbM, fest. Diese Ansicht wird allerdings nicht überall geteilt. Das Institut für Menschenrechte, welches in Deutschland die Monitoringstellte für die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ist, schreibt dazu: "Teilhabe am Arbeitsleben heißt für viele Menschen mit Behinderungen immer noch, auf Sondersysteme als faktisch einzige Option verwiesen zu werden: entweder weil ihnen mangels anderer Ausbildungsperspektiven von vornherein keine Alternative bleibt oder weil ein späterer Wechsel in den allgemeinen Arbeitsmarkt aus verschiedenen Gründen erschwert wird. Dazu gehört etwa die Tätigkeit in einer Werkstatt für behinderte Menschen oder bei einem vergleichbaren anderen Leistungsanbieter. Eine solche Tätigkeit ist nicht als Arbeitsverhältnis anerkannt, sondern gilt als Rehabilitation und wird im Schnitt mit weniger als 200 Euro im Monat vergütet, da hierfür der gesetzliche Mindestlohn nicht gilt. Das kann nicht als Verwirklichung des individuellen Rechts auf Arbeit im Sinne der UN-BRK gelten, und auch nicht als Bestandteil eines inklusiven Arbeitsmarkts. Im Gegenteil: Die Existenz der Werkstätten und vergleichbarer Leistungsanbieter und die weiterhin steigende Zahl der dort Beschäftigten ist ein klarer Indikator für die auch nach einer Dekade UN-BRK fortbestehende Exklusivität des Arbeitsmarktes."

Die UN schreibt und fordert in ihrem Bericht (UN-Staatenbericht) vom 13. Mai 2015 ( GE.15-09631 (274 kb)) unter Artikel 27 das "Auslaufen geschützter Werkstätten durch sofort durchsetzbare Ausstiegsstrategien und Zeitpläne sowie Anreize für öffentliche und private Beschäftigung auf dem regulären Arbeitsmarkt". Seitens der Bundesregierung hält man allerdings an dem Modell der Werkstätten ebenfalls weiterhin fest, wie in unserem am Sonntag veröffentlichten Filmbeitrag (hier öffnen ) zu sehen ist.

Die BAG startet eine Kampagne um das aus ihrer Sicht schlechte Klischee der Werkstätten zu ändern. Martin Berg der BAG: „Leider kursieren immer noch Klischees über die Werkstattarbeit. Unsere Kampagne soll helfen, Vorurteile abzubauen. Wir wollen objektiv informieren und aufklären, gleichzeitig aber auch klarmachen, dass wir das System an zentralen Stellen reformieren wollen.“ Weiter heißt es von der BAG zur Kampagne:

Dreh- und Angelpunkt der Kampagne ist die Homepage www.werkstatt-ist-mehr.de. Auf ihr kommen in Interviews Expert*innen aus dem Verbandswesen, der Politik und der Wirtschaft zu Wort. Die Seite beantwortet häufig gestellte Fragen rund um Arbeit und Arbeitsbedingungen in Werkstätten für behinderte Menschen. Darüber hinaus stellt sie Vorlagen für Postings in den sozialen Medien zum Download zur Verfügung; so können Werkstattbeschäftigte, Angehörige und Freunde die Kampagneninhalte auf den eigenen Kanälen verbreiten. Die Motive für diese Postings sind in den vergangenen Tagen in Werkstätten entstanden.

Werkstätten ermöglichen Teilhabe
Die Arbeit in den knapp 700 deutschen Werkstätten steht unter dem Anspruch: lernen, gefordert und gefördert werden. Menschen mit Behinderungen haben dort einen sicheren, unkündbaren Arbeitsplatz. „Aber nicht nur das“, betont Martin Berg und fügt an: „Werkstätten leisten auch pädagogische, therapeutische und pflegerische Unterstützung, um Menschen mit Behinderungen ganzheitlich in die Gesellschaft einzugliedern. Dort erhalten sie Berufliche Bildung und können soziale Beziehungen pflegen. Neben individuell auf sie abgestimmter Arbeit bekommen sie Unterstützung und Wertschätzung. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gibt es für die meisten von ihnen keinen gleichwertigen Platz, denn in seiner jetzigen Form ist der Arbeitsmarkt nicht in der Lage, alle Menschen mit Behinderungen aufzunehmen. Deshalb sind Werkstätten weiterhin notwendig, um Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Im Übrigen ist es natürlich jedem Menschen selbst überlassen, ob er oder sie in einer Werkstatt arbeiten möchte, es gibt in Deutschland keinen Zwang und keine Pflicht, die Menschen mit Behinderungen in einer Werkstatt unterbringt.“

In Werkstätten für behinderte Menschen steht der Mensch im Fokus und weniger seine Arbeitsleistung. Beschäftigte können aus diversen Arbeitsangeboten die für sie passende Wahl treffen und sich vielfältig ausprobieren. Über den Berufsbildungsbereich können sie unterschiedliche Qualifizierungen erlangen. Begleitende Maßnahmen während der Arbeitszeit dienen der Persönlichkeitsentwicklung sowie der Gesundheitsförderung und der sozialen Eingliederung; sie umfassen zum Beispiel Angebote aus dem Kultur- und Sportbereich.

BAG WfbM setzt sich für Reformen ein
Bei allen Vorteilen, die Werkstätten für behinderte Menschen haben, sieht die BAG WfbM vor allem an einer zentralen Stelle Reformbedarf: beim Arbeitsentgelt. Werkstattbeschäftigte sind nicht direkt mit Arbeitnehmer*innen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vergleichbar. Über Privilegien wie Grundsicherung und Rente haben sie deutlich mehr Geld zur Verfügung als häufig in Diskussionen dargestellt. Dennoch ist eine Abhängigkeit von Sozialleistungen keine gute Lebensgrundlage. „Wir wollen die menschenrechtliche Dimension für die Menschen mit Behinderungen langfristig verbessern“, erklärt Martin Berg. „Dafür arbeiten mehrere verbandsinterne Arbeitsgruppen daran, die Parameter für eine Reform des Einkommens- und Entgeltsystems zu prüfen. Aus diesen Prozessen heraus wollen wir Impulse für eine Reform des Systems entwickeln. Wir setzen uns für eine Reformierung des Entgeltsystems ein, bei der gewissenhaft und umsichtig gehandelt sowie mit den Werkstattbeschäftigten gesprochen wird – und nicht über sie. So werden wir es schaffen, ein auskömmliches, transparentes und nachhaltiges Entgeltsystem im Sinne der Menschen in den Werkstätten zu erhalten. Dabei muss das sehr komplexe System, in dem wir uns bewegen, in seiner Gesamtheit betrachtet werden. Sonst besteht die Gefahr, dass Menschen in Werkstätten zum Beispiel mit Einführung des Mindestlohns insgesamt schlechter gestellt werden.“

Schichtwechsel am 16. September
Die Kampagne „Mehr als ein Job“ macht auch auf den bundesweiten Aktionstag „Schichtwechsel“ aufmerksam: Menschen mit und ohne Behinderungen tauschen am 16. September ihren Arbeitsplatz und ermöglichen so einen Perspektivwechsel. Den Mitarbeitenden aus Unternehmen ermöglicht der Aktionstag Begegnungen mit Werkstattbeschäftigten, Einblicke in die Vielfalt der Produkte und Dienstleistungen und ein Mitwirken an den vielseitigen Arbeitsprozessen. Im Gegenzug lernen die Beschäftigten der Werkstätten die Arbeit in einem Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarkts für einen Tag näher kennen.

Autor: kk / © EU-Schwerbehinderung



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