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IGeL-Report 2020 und der Umgang mit COVID-19-Antikörpertests

Bildbeschreibung: Im Forderungrund ein Arzt mit einem COVID-19 Teströhrchen und im Hintergrund ein Dollar-Zeichen sowie grafisch dargestellte Coronaviren
Foto: Fernando Zhiminaicela / EU-Schwerbehinderung

Heute wurde der IGel-Report 2020 veröffentlicht. Dieser hat nichts mit dem gleichnamigen Tier zu tun, sondern es handelt sich um die individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), die mittlerweile in fast jeder Arztpraxis angeboten werden. Da sie nicht über die Krankenversicherungskarte abgerechnet werden können, muss der Patient sie selbst zahlen. Daher werden sie häufig auch als "Selbstzahlerleistungen“ bezeichnet.

In einer repräsentativen Befragung hat der IGeL-Monitor für seinen IGeL-Report 2020 knapp 2.300 Versicherte befragt. Teilgenommen haben gesetzlich Krankenversicherte im Alter von 20 bis 69 Jahren. Die Befragung, die noch vor Ausbruch der Pandemie erfolgte, bestätigte die Ergebnisse des IGeL-Reports 2018. Die TOP 10 der am meisten verkauften IGeL sind nahezu unverändert. An der Spitze stehen nach wie vor die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung beim Augenarzt und der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung – bei beiden überwiegt der mögliche Schaden den Nutzen. Weiterhin dabei ist auch der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs, der aus Sicht des IGeL-Monitors ebenfalls kritisch zu bewerten ist. „Beim Umgang mit den IGeL-Angeboten ist entscheidend, dass die Patientinnen und Patienten gut aufgeklärt und informiert werden. Für den Verkauf von Selbstzahlerleistungen gelten verbindliche Regeln. Es muss gut informiert werden, und es darf kein Druck aufgebaut werden. Beides wird von Versicherten beklagt und muss sich ändern“, sagt Dr. Peter Pick, Geschäftsführer des MDS (Medizinischer Dienst des GKV-Spitzenverbandes).

Foto: © MDSVerbesserungspotenziale gibt es auch beim Umgang mit den COVID-19-Antikörpertests. Im Juli hat der MDS eine ergänzende Versichertenbefragung beauftragt und eine stichprobenartige Recherche bei 50 Arztpraxen durchgeführt. Ziel war es, herauszufinden, ob solche Tests überhaupt angeboten und angenommen werden und wie dabei die Aufklärung der Patienten erfolgt. Von 50 Arztpraxen bot die Hälfte Antikörpertests an, und nur zwei lehnten sie explizit ab. Meist wurden Labortests angeboten, zum Teil aber auch Schnelltests, von denen sowohl das Robert Koch-Institut als auch die Weltgesundheitsorganisation und die Fachgesellschaft der Hausärzte abraten.

Zu den Erfahrungen mit den COVID-19-Antikörpertests wurden rund 6.800 gesetzlich Krankenversicherte befragt. Sechs Prozent der Befragten haben bereits einen COVID-19-Antikörpertest angeboten bekommen oder selbst danach gefragt. Die Initiative ging jeweils zur Hälfte vom Patienten oder vom Arzt aus. Am häufigsten haben Patienten danach gefragt, wenn sie Wochen oder Monate vor dem Test Symptome hatten. Andererseits berichteten 54 Prozent der Befragten, dass sie den Antikörpertest angeboten bekamen, obwohl sie keinerlei Symptome hatten.

Die Versicherten wurden auch zur Motivation für den COVID-19-Antikörpertest befragt. Demnach stand der Wunsch, abklären zu lassen, ob man die Erkrankung bereits hatte und eine Immunität vorliegt, im Vordergrund. Andere verbanden damit die Hoffnung auf mehr Bewegungsfreiheit. „Die Rolle der COVID-19-Antikörpertests zur Feststellung der Immunität ist aber noch ungewiss. Es gibt noch keine sicheren Erkenntnisse dazu, ob und wie lange eine Immunität nach einer Infektion anhält“, sagt Dr. Michaela Eikermann, Leiterin des Bereichs „Evidenzbasierte Medizin“ des MDS.

Bei der Interpretation der Testresultate wurden die Patienten häufig alleine gelassen. Über ein Viertel der Getesteten wurde im Unklaren darüber gelassen, wie sich ein positiver Test auf die Immunität auswirkt. Mehr als ein Drittel der Versicherten, die einen COVID-19-Antikörpertest gemacht haben, erhielten keine Information darüber, dass die Tests mit Unsicherheiten verbunden sind. Knapp die Hälfte der Befragten wurde nicht darüber aufgeklärt, dass falsch positive Ergebnisse häufig möglich sind. „Besonders falsch positive Ergebnisse bergen aber die Gefahr, dass sich Menschen in trügerischer Sicherheit wiegen“, erklärt Eikermann. „Sie denken COVID-19 kann ihnen nichts mehr anhaben und nehmen deshalb die Abstands- und Hygieneregeln möglicherweise nicht mehr ernst. Dadurch können sie sich und andere gefährden.“

Der MDS warnt aber auch deutlich: "Drei von vier Patientinnen und Patienten kennen Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) in der Arztpraxis. Zu den Topsellern gehören nach wie vor auch IGeL, die mehr schaden als nützen. Neu auf dem IGeL-Markt sind COVID-19-Antikörpertests. Aufgrund nicht ausreichender Aufklärung über die Bedeutung der Testergebnisse besteht die Gefahr, dass Patientinnen und Patienten sich in falscher Sicherheit wiegen und deshalb Abstands- und Hygieneregeln missachten könnten."

Zum aktuellen IGeL-Report des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzenverbandes erklärt Maria Klein-Schmeink, Sprecherin für Gesundheitspolitik der Bundestagsfraktion "Die Grünen":

Bei den Individuellen Gesundheitsleistungen liegt noch immer einiges im Argen. Patientinnen und Patienten fühlen sich nach wie vor bedrängt, verunsichert oder überfordert. Die am häufigsten verkauften Individuellen Gesundheitsleistungen, die als eher schädlich als nützlich gelten, gibt es weiterhin bei den Augen- sowie Frauenärztinnen und -ärzten. Besonders perfide ist, dass jetzt offenbar auch die Angst vor einer Covid 19-Infektion ausgenutzt wird: Vielen Patientinnen und Patienten, ohne jegliche Symptome, wurde ein Antikörpertest aufgeschwatzt. Bei der Interpretation der Testergebnisse wurden sie dann allein gelassen.

Die geltenden Regeln zum Umgang mit IGeL, wie sie sich beispielsweise im Patientenrechtegesetz finden, müssen endlich durchgesetzt werden. Patientinnen und Patienten müssen sich unabhängig und umfassend über Nutzen, Risiken, Alternativen und Kosten dieser Selbstzahlerleistungen informieren können. Sie dürfen niemals gedrängt oder gar unter Druck gesetzt werden. Zudem gibt es entgegen der rechtlichen Vorgaben allzu oft weiterhin keinen schriftlichen Behandlungsvertrag.

Autor: kk / © EU-Schwerbehinderung



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