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Man schafft uns ab! – Ein Weckruf zum Internationalen Tag der Pflege

Bildbeschreibung: In einer Pfegeeinrichtung eine Pflegefachkraft beim essen.
Foto: ©Hartwig-Hesse-Stiftung

Jeder von uns kennt es: Die Kerzen brennen auf dem Kuchen, Geschenke und bunte Karten schmücken den Gabentisch, das Telefon steht nicht mehr still und Glückwünsche prasseln über sämtliche Kanäle auf das Geburtstagskind ein. Es ist ein sich jährlich wiederholendes freudiges Fest, der Geburtstag. Am 12. Mai feiert die Welt den Geburtstag der britischen Krankenpflegerin und Pionierin der modernen Krankenpflege, Florence Nightingale und damit auch den internationalen Tag der Pflege. Doch nach feiern ist den Wenigsten zumute. Es ist bereits der zweite Geburtstag zu Coronazeiten und die Hoffnungen, dass sich durch die Pandemie etwas ändert, die Pflege zurecht mehr Anerkennung und einen Kurswechsel in der Bezahlung und den Arbeitsbedingungen erhält, ist verflogen und der Applaus verhallt. Nicht so in der Hartwig-Hesse-Stiftung, die als gutes Beispiel in der Mitarbeiterführung und -anerkennung vorangeht – eine Art Weckruf.

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Maik Greb, Geschäftsführer der Hartwig-Hesse-Stiftung in Hamburg, lebte selbst als Jugendlicher in einem Mehrgenerationenhaus der Stiftung. Er kennt die Strukturen der Stiftung also seit vielen Jahren, ebenso die Pflegebranche. Für ihn war nach seiner Ausbildung in einer Bundesbehörde klar, dass er mehr bewegen möchte als nur seinen Schreibtischstuhl im Büro: „Mir war es wichtig, in einem gesellschaftsrelevanten Umfeld tätig zu sein und in diesem auch etwas zu verändern. Die Pflegebranche war schon damals veränderungsbedürftig und so trat ich an die Stiftung heran. Mit meinem betriebswirtschaftlichen Studium konnte ich hier kaufmännische Logik auf die gemeinnützige Stiftungswelt und die Pflegebranche übertragen.“ Greb arbeitet sich in den folgenden Jahren in der Hartwig-Hesse-Stiftung nach ganz oben und wird 2013 Geschäftsführer. Seine Motivation behält er über die vielen Jahre. Doch das Unverständnis von Bevölkerung und Politik, Pflege als Teil der Gesellschaft zu verstehen und in diesen Teil auch zu investieren, statt ihn gewinnorientiert arbeiten zu lassen, macht ihn wütend. „Wir erleben seit vielen Jahren einen großen Pflegenotstand in Deutschland und die Politik schaut weg und übertüncht das Wegsehen mit fadenscheinigen Argumenten und unnötigen Änderungen. Die Corona-Pandemie wirkt an dieser Stelle wie ein Brennglas: Pflegekräfte werden laut, die Missstände immer deutlicher. Und was macht die Politik? Auf jeden Fall nichts Wesentliches“, erklärt Greb.

Aktuell fehlen im Pflegedienst deutscher Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen mehr als 100.000 Vollzeitstellen. Eine Lücke, die nicht naturwüchsig ist, sondern insbesondere durch Regelungen der Krankenhausfinanzierung hervorgerufen wurde. Gesundheitssystemforscher Prof. Dr. Michael Simon machte schon in seiner Studie zum Pflegenotstand 2017 deutlich, dass – würde man die Personalbesetzung im Pflegedienst auf das Niveau von Schweiz und Dänemark pro 1000 Einwohner heben – man aktuell in Deutschland zwischen 160.000 und 260.000 Stellen zu besetzen hätte. „Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen“ beschreibt schon ein uraltes deutsches Sprichwort solch Ratlosigkeit. Maik Greb kennt eine Antwort: „Wir müssen die Pflege wieder attraktiver machen, ihr mit Aufmerksamkeit und Anerkennung begegnen! Darauf wollen wir am Tag der Pflege aufmerksam machen. Es muss sich lohnen, in der Pflege zu arbeiten, es soll Spaß machen. Als gemeinnützige Stiftung haben wir das Glück, im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten, freier entscheiden zu können und als gutes Beispiel vorangehen zu können.“ So haben die Mitarbeiter der Hartwig-Hesse-Stiftung beispielsweise die Wahl zwischen mehr Urlaub oder einem höheren Gehalt, Sport und körperliche Gesundheitsvorsorge werden bezuschusst und auch die Möglichkeit der Weiterbildung und speziellen Qualifizierung wird geboten und unterstützt. Zusätzlich sorgt die Stiftung beispielsweise an Weihnanchten für Freude: Vergangenes Jahr gab es als kleines Geschenk einen Gastronomiegutschein in Form eines Bierdeckels. Damit unterstützte man auch die Branche, die es in Coronazeiten besonders schwer hat. Hört sich gut an, doch was sagen die Mitarbeiter selbst dazu? „Man fühlt sich gewertschätzt und gibt dies auch weiter“, berichtet Jasmin Birdöner, Hausleitung im Gagfah-Hesse-Haus der Stiftung. Wertschätzung, die sich auch positiv auf das Arbeitsklima der Stiftung auswirkt. „Der Zusammenhalt unter den Kollegen ist enorm und für mich sehr besonders. Es ist schön, die Arbeit morgens mit einem Lächeln zu beginnen. Unsere Pflegekräfte haben meine höchste Anerkennung für die Leistung, welche sie täglich im Umgang mit unseren älteren Menschen leisten. Da ist so viel Empathie und stets ein Lächeln auf den Lippen“, berichtet Birdöner. Und die Wertschätzung endet nicht zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiter, sie wird weitergetragen an die zu Pflegenden der Stiftung. Das bestätigt auch Alina Willmann, Pflegefachkraft im Gagfah-Hesse-Haus: „Wir sind zu einem richtig guten Team zusammengewachsen! Jedem von uns bereitet die Arbeit Freude und das überträgt sich und zaubert selbst dem größten Muffel ein Lächeln ins Gesicht. Aber man muss sich auch fragen, woher kommt das? Uns Mitarbeitern geht es gut in der Stiftung. Natürlich haben wir unser Soll zu erfüllen, aber man unterstützt uns ja auch.“

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Für Alina Willmann war bereits früh klar, wo die berufliche Reise hingehen soll. Gerade die zwischenmenschliche Arbeit mit den Patienten ist für sie nicht nur Beruf, sondern auch Berufung. Und so geht es den meisten Arbeitnehmern der Pflegebranche. „Eine berufliche Tätigkeit in der Pflege ist anspruchsvoll und komplex: Es braucht eine hohe fachliche Kompetenz und Professionalität einerseits, Empathie und Aufmerksamkeit für den Patienten und dessen Bedürfnisse andererseits“, erklärt Maik Greb. In der Stiftung schafft man den Spagat zwischen Arbeit und Wertschätzung gut. Dies gelingt aber nicht vielen Anbietern in der Pflegebranche. Deswegen wünscht sich Alina Willmann: „Wir und unsere Kollegen müssen da draußen wieder als Menschen gesehen werden und nicht als Maschinen, die Gewinne einfahren sollen. Wir alle haben uns bewusst für den Pflegeberuf entschieden, mit all seinen Höhen und Tiefen. Aber für das Zwischenmenschliche bleibt im aktuellen System keine Zeit und am Ende leiden wir Pflegekräfte aber auch wir alle als spätere Patienten darunter. Denkt also endlich um.“

Der internationale Tag der Pflege sollte also nicht nur symbolisch stattfinden. Der Weg in ein neues System ist kein leichter und trotzdem muss er beschritten werden.

Quelle: Hartwig-Hesse-Stiftung

Redaktion / © EU-Schwerbehinderung



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