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Gedenkfeier "Aktion T4" - Bundesbeauftragter warnt vor Behindertenfeindlichkeit und Hassrede

Bildbeschreibung: Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, bei der KRanzniederlegung zum Gedenken der Opfer der Aktion T4.
Foto: kk | © 2020 EU-Schwerbehinderung

m dritten Reich wurden unter der Führung von Adolf Hitler, Menschen mit Behinderung systematisch mit der „Aktion T4“ getötet. Etwa 70.000 Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung vielen dieser Aktion zum Opfer. Darunter auch viele Kinder, die den Eltern unter Vortäuschung einer Heilung in einer entsprechenden Unterbringung entzogen wurden.

Koordiniert wurde die Durchführung in der „Zentralstelle T4“. Anlässlich des Gedenkens, fand heute eine Gedenkveranstaltung.

Foto:kk © 2019 EU-Schwerbehinderung„Menschen mit Behinderungen sind auch heute tagtäglich Diskriminierungen ausgesetzt. Es beginnt damit, dass das Wort „behindert“ als Beleidigung benutzt wird und endet im schlimmsten Fall mit Hassrede und tätlichen Angriffen. Nicht selten wird Menschen mit Behinderungen die Kompetenz oder sogar die Berechtigung zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben abgesprochen,“ so Jürgen Dusel, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. „Der bittere Befund auch 75 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus ist: Leider sind viele immer noch nicht frei davon, vermeintliche Minderheiten ungleich zu behandeln oder abzuwerten. Wir dürfen deswegen nicht den Fehler machen, bei Diskriminierungen oder auch Hassrede im Internet wegzuschauen, dies kleinzureden oder die Betroffenen zu vereinzeln. Denn das Prinzip ist immer das gleiche, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Sexualität, Geschlecht, Alter, Religion oder Behinderung. Hassrede bereitet den Boden für schreckliche Taten. Es ist unser aller Verantwortung, dem aktiv, entschieden und mit Zivilcourage entgegenzutreten,“ sagte Dusel weiter.

Bei der Gedenkfeier am Tiergarten 4 in Berlin, hielt Jürgen Dusel eine Rede in deren Anschluss die Kranzniederlegung mit einer Schweigeminute erfolgte:

Sehr geehrte Damen und Herren, heute jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. Auschwitz steht wie kein anderer Ort für die Millionen Opfer von Gewalt und Verfolgung während der NS-Zeit. Am 27. Januar erinnern wir uns an die Opfer.

Das Wort „erinnern“ bedeutete ursprünglich „machen, dass jemand einer Sache inne wird“. Für mich heißt das: Die Geschichte der Opfer gehört zu unserem kollektiven Gedächtnis. Und daraus wächst auch die Verantwortung, nicht nur der Opfer zu gedenken, sondern auch zu fragen, wie Menschen zu Tätern werden konnten, die anderen so Schreckliches antaten.

Foto:kk © 2019 EU-Schwerbehinderung In Auschwitz und auch hier – in der Tiergartenstraße 4 – saßen die Täter: die geistigen Wegbereiter, die lauten Anführer, die stillen Gefolgsleute – und die unauffälligen Mitläufer. Unter ihnen waren Ärztinnen und Ärzte. Viele unter ihnen brachen den hippokratischen Eid: Aus Heilenden wurden Mordende.

Meine Damen und Herren, am 27. Januar wurde auch der italienische Chemiker und Schriftsteller Primo Levi aus Auschwitz befreit. In seinem Buch „Ist das ein Mensch?“ beschreibt er die Entmenschlichung der Opfer durch die Täter. Menschen wurde Ihre Würde genommen. Schlimmer noch: Das Recht zu leben wurde ihnen abgesprochen: Menschen jüdischen Glaubens, Homosexuellen, Roma und Sinti, und auch Menschen mit Behinderungen und psychisch Erkrankten.

Geistige Wegbereiter waren Wissenschaftler und Ideologen, die von „Ballastexistenzen“, von „Gnadentod“ und „Rassenhygiene“ sprachen. Das begann nicht erst im Jahr 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Schon 1920 veröffentlichten Binding und Hoche ihre Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“. Aber auch der Strafrechtler Binding und der Psychiater Hoche waren nicht die ersten, die so dachten. Und die es offen aussprachen.

Der bittere Befund ist: Schon lange vorher gab es Stimmen, die Menschen mit Behinderungen und psychisch Erkrankte als nicht gleichwertig und als „nicht lebenswert“ bezeichneten. Sprache kann den Boden für Taten bereiten. Wenn der Worte genug ist, soll endlich gehandelt werden.

Foto:kk © 2019 EU-SchwerbehinderungIn der Tiergartenstraße 4, in einer Villa, die einst einem Bruder des von den Nationalsozialisten verfolgten Malers Max Liebermann gehörte, saßen anerkannte Professoren, Ordinarien und Anstaltsleiter. Sie handelten: Diese so genannten Spezialisten entschieden nach Aktenlage, welches Menschenleben „lebenswert“ ist und welches nicht. Ohne die Patientinnen und Patienten je zu Gesicht zu bekommen, setzten sie ihre Zeichen auf die Krankenakten: Ein blaues Minus für Leben – ein rotes Plus für Tod: ein Minus oder ein Plus für oder gegen ein Menschenleben. Und auch, als die Aktion T4 nach Protesten der Bevölkerung und der Kirche offiziell beendet wurde, ging das Morden weiter: Hinter den Mauern der Heil- und Pflegeanstalten durch sogenannte „Hungerbehandlung“, mit Medikamenten wie „Luminal“ oder durch totale Vernachlässigung.

Mindestens 200.000 Männer, Frauen und Kinder wurden ermordet. Nicht zu vergessen schätzungsweise 400.000 Menschen, die zwangssterilisiert wurden.

Meine Damen und Herren, der 27. Januar 1945 war ein Tag der Befreiung. Genau wie der 8. Mai 1945. Aber leider ist unsere Welt immer noch nicht frei davon, dass Menschen ungleich behandelt und diskreditiert werden. Auch 75 Jahre später wird das Wort „behindert“ von manchen als Schimpfwort benutzt. Ich sage es noch einmal: Sprache hat schon oft den Boden für Taten bereitet. Deshalb müssen wir gegen jede Herabwürdigung von Menschen ankämpfen und den Anfängen wehren. Das sind wir den Opfern schuldig. Wir werden die Erinnerung an sie wachhalten. Wir werden ihre Geschichte als Mahnung in uns tragen. Wir werden nicht aufhören ihrer zu gedenken. So, wie uns Primo Levi zu Beginn seines Berichts über die Schrecken von Auschwitz in einem Gedicht auffordert: „Denket, das solches gewesen.“

Vielen Dank.

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Autor: kk / © EU-Schwerbehinderung



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